Ein Pioneer des Datenschutzes und des Informationsrechts ist von uns gegangen: Prof. Dr. iur. Bernd Lutterbeck

Prof. Dr. Bernd Lutterbeck wurde am 8. August 1944 geboren und verstarb am 16. Dezember 2017. Sein Tod löste Bestürzung und tiefe Betroffenheit bei seinen privaten und wissenschaftlichen Wegbegleitern aus, insbesondere bei den Mitstreitern in den wissenschaftlichen Gruppen, Gesellschaften und Vereinigungen die sich mit den Themen Informatik und Gesellschaft, Datenschutz- und Informationsrecht, Verwaltungsinformatik, Open Source Software und "Code is Law" auseinandersetzten. 

Lutterbeck studierte Rechtswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre in Kiel und Tübingen. Wissenschaftliche Tätigkeiten folgten an der Universität Regensburg (1969 -1971) im Fachbereich Rechtswissenschaft und an der Universität Hamburg (1974 -1978) als Dozent im Fachbereich Informatik. Er wurde 1976 im Fachbereich Rechtswissenschaft an der Universität Regensburg als Schüler von Prof. Dr. iur. Wilhelm Steinmüller mit dem Thema "Parlament und Information - eine informationstheoretische und verfassungsrechtliche Untersuchung" promoviert. Im Zentrum der Dissertation standen die Relationen zwischen Informationsrecht, parlamentarischer Kontrolle und politischer Entscheidung. In der Zeit von 1978 bis 1984 arbeitete er beim damaligen Bundesbeauftragten für den Datenschutz in Bonn. 1984 wurde er an die Technische Universität Berlin als Professor für das neu gegründete Fachgebiet "Informatik und Gesellschaft" berufen. Ab 1995 nahm er für die Action Jean-Monnet der Europäischen Union an der TU Berlin die Professur für humanwissenschaftliche Fragen der europäischen Integration wahr. Lutterbeck beschäftigte sich in diesen Jahren im Schwerpunkt mit E-Government (in Kooperation mit dem Bundesministerium des Inneren), mit Theorie und Praxis der property rights, mit dem Aufbau einer Open-Source-Software-Umgebung, mit European Governance (siehe das Kapitel 2. Good Governance, Bernd Lutterbeck, Die Wissensgesellschaft bauen!, S. 23 - 38, in: Umbruch von Regelungssystemen in der Informationsgesellschaft, Freundesgabe für A. Büllesbach, Hrsg.: J. Bizer, B. Lutterbeck. J. Rieß, Stuttgart 2002). Er gab mit Robert A. Gehring zusammen das Open Source Jahrbuch 2004 heraus. Ab 1. Oktober 2009 war Lutterbeck Professor emeritus.

Lutterbeck war frühzeitig - als junger Wissenschaftler - in einer Aufbruchstimmung. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war Lutterbeck wie viele andere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Suche nach einem Neuanfang. Als junger Jurist interressierte ihn bald auch die Frage nach der Verbindung von Informatik und Recht; es war die Zeit der ADV- und EDV-Organisationen und Organisationsgesetze, neue Strukturen, Veränderungen in Wirtschaft und Verwaltung, Möglichkeiten der Automatisierung von Verwaltungs- und Rechtsentscheidungen standen in der Diskussion. Es war eine Entschlossenheit zu spüren, die Gesellschaft neu zu strukturieren. An mehreren Universitäten (z.B. München, Regensburg, Darmstadt etc.) entstanden durch Seminare neue Ideen, die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik mitzugestalten. Lutterbeck war dabei. 

Seine Vorstellung war weniger, ein neues Rechtsgebiet zu begründen, als vielmehr in der Gesellschaft etwas Neues zu schaffen. Zusammen mit Steinmüller, Podlech und der Gruppe junger Wissenschaftler um Arthur Kaufmann entstand aus dieser Diskussion ein Konzept für den Datenschutz. Vom Bundesministerium des Inneren wurde ein Gutachten beauftragt, das die Grundlagen des Datenschutzes herausarbeiten sollte. Steinmüller/Lutterbeck/Mallmann/Harbort/Kolb/J. Schneider legten dieses Gutachten 1971 vor (BT-Dr. VI/3826 Anlage vom 7.9.1972). In diesem Gutachten war das Recht auf informationelle Selbstbestimmung bereits visionär angelegt. Zentrale Frage des Datenschutzes war für Lutterbeck die Frage nach unserem Lebenskonzept in einer Gesellschaft als anthropologisches Grundanliegen. Datenschutz hat neben dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung auch eine strukturelle Komponente. Auf diesen visionären und wegbereitenden Gedanken zur informationellen Selbstbestimmung baute das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" auf.

Lutterbeck war 1976 Mitbegründer einer der beiden Vorgesellschaften der DGRI: der Gesellschaft für Rechts- und Verwaltungsinformatik (GRVI). Auch an der Zusammenführung der GRVI und der DGIR zur DGRI war er 1993 mit Prof. Dr. Hans Brinkmann für die GRVI und Thomas Hoene und Michael Bartsch für die DGIR beteiligt. (Siehe hierzu "Happy Birthday DGRI" - Dinner Speech von Bernd Lutterbeck, in: Wolfgang Büchner/Thomas Dreier (Hrsg.) Von der Lochkarte zum globalen Netzwerk - 30 Jahre DGRI, Köln 2007, S. 11 - 21; siehe im gleichen Band auch Wolfgang Kilian, 30 Jahre Rechtsinformatik-Interessenvertretung, S. 3 - 9). In der Reihe Informationstechnik und Recht wurde von Michael Bartsch und Bernd Lutterbeck der Band 7, "Neues Recht für neue Medien" 1998 herausgegeben.

In der Gesellschaft für Informatik (GI) arbeitete Lutterbeck engagiert an der Formulierung der "Ethischen Leitlinien" mit.

Lutterbeck war immer auf der Suche einer Neuen Rechtsinformatik. So griff er aus der amerikanischen rechtswissenschaftlichen Diskussion sowohl die ökonomische Analyse des Rechts als auch Gedanken von Lawrence Lessig (Code is Law) auf. "Software kann Regulator sein" als "Code und Recht", die sich unter Einbeziehung der Ökonomie aufeinander beziehen. Lutterbecks Überlegungen waren von Anfang an auf den Aufbau einer besseren Gesellschaft durch Informatik gerichtet.

Die DGRI trauert um sein engagiertes Mitglied. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Recht und Informatik als auch Schriftleitung und Redaktion von CR werden Prof. Dr. iur. Bernd Lutterbeck ein ehrendes Andenken bewahren.

Prof. Dr. Alfred Büllesbach

Ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Recht und Informatik (DGRI) und des Stiftungsrates der Deutschen Stiftung für Recht und Informatik (DSRI).

Deutsche Gesellschaft für Recht und Informatik e.V. (DGRI)